Titelbild: Gotthold Ephraim Lessing, Porträtdruck (zwischen 1775 und 1840). Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons.

Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Rhein-Main-Zeitung), 18. Oktober 2023, Seite 5

Wir müssen die Deutungshoheit über unsere Religion zurückerobern. Der Terror einfallender Horden, getarnt als Selbstjustiz der Unterdrückten, bleibt barbarischer Extremismus.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich die Geschichte über den Propheten Muhammad und einen jüdischen Leichnam zum ersten Mal hörte. Der Prophet, so ist überliefert, steht aus Respekt auf, als eine jüdische Trauergemeinde an ihm vorbeizieht. Seine Gefährten beschwichtigten ihn, sitzen zu bleiben: Es ist nur ein Jude gestorben, sagen sie. „Ist ein Jude denn keine Menschenseele?“, erwidert der Prophet und bleibt stehen. Ich musste unmittelbar an eine Szene aus Lessings Nathan denken, dem wohl wichtigsten Drama der Aufklärung. Weisheitstrunken fragt der Jude Nathan: „Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, als Mensch? Ah! Wenn ich einen mehr in Euch gefunden hätte, dem es genügt, ein Mensch zu heißen!“. Im Jerusalem der Kreuzzüge lässt Lessing einen Juden, der seine gesamte Familie durch ein antisemitisches Pogrom verloren hat, zum Sinnbild der Menschlichkeit werden. Durch Gottes Hilfe gelingt es ihm, seinen Hass auf Christen zu überwinden, und er adoptiert ein christliches Baby.

Wenn ich dieser Tage durch meine Timeline scrolle und mir die Kommentare und Posts einiger meiner muslimischen Bekannten anschaue, bin ich ratlos. Was ist geblieben vom rationalen Humanismus des Islams, der einst große Denker der Aufklärung wie Lessing inspirierte? Literaturwissenschaftler haben herausgearbeitet, dass zentrale Stellen der berühmten Ringparabel, die Lessing Nathan erzählen lässt, offenbar von Koranversen inspiriert sind.

Muslimische Influencer scheinen die Sprachgewalt des Korans vergessen zu haben, es ist die Macht der Bilder, die überwältigt. Ich sehe Videos, in denen leblose palästinensische Babys herumgereicht werden. Bilder, die unerträglich sind. Ich spüre, wie der Schmerz mein Gehirn lähmt, wie sich eine Wut einschleicht, die droht, meinen Verstand auszuschalten. Trotzdem mache ich mir klar: Es sind Bilder, die im Gewand des Mitgefühls daherkommen und doch auch Zwietracht säen können. Wut klickt gut.

Während der Algorithmus mir palästinensische Säuglinge zeigt, titelt die „Bild“-Zeitung „Babys mit abgeschnittenen Köpfen“, es sind israelische. Die toten Babys, sie waren Menschenkinder. Ob sie eine jüdische oder eine muslimische Mutter hatten, ist belanglos. Mäßigende Töne, deutliche Worte der Solidarität mit israelischen Opfern haben es angesichts solcher herzzerreißenden Bilder schwer in der muslimischen Social-Media-Blase. Immer wieder fallen mir Statements auf, die auf ein halbes Jahrhundert israelischer Besatzung, der Vertreibung von Palästinensern und den Blockaden am Gazastreifen hinweisen. Es ist vom Freiluftgefängnis Gaza die Rede, vom Massaker 2014, von der Nakba. So, als wiege ein Unrecht das andere auf. Als sei Gerechtigkeit dadurch herzustellen, dass beide Seiten gleiches Maß an Leid erfahren. Es sei ein Kampf Verzweifelter gegen eine reiche Militärmacht, David gegen Goliath. Man müsse die Vorgeschichte benennen, schreiben sie.

„Ist euch klar, wie ihr damit verstanden werden könnt?“, frage ich irritiert und stoße auf Unverständnis. Die große Betroffenheit der westlichen Welt, die fassungslos auf Israel blickt, scheint manch einen muslimischen Aktivisten blind zu machen für die grausamen Verbrechen, die den Solidaritätsbekundungen vorangingen. Was sie sehen, ist die Unsichtbarkeit palästinensischen Leids. Können Ursachenanalysen unmittelbar nach einem Massaker historischen Ausmaßes anders gelesen werden denn als Rechtfertigungsversuch? Als seien die menschenverachtenden Gräuel der Hamas Teil eines dekolonialen Befreiungskampfs. Die Reaktionen auf meinen Einwand sind verhalten. Alle distanzieren sich sofort von den Terroristen, doch sie fragen: Welche Wahl haben Menschen im Gazastreifen? Ich frage zurück: Haben wir nicht immer eine Wahl?

Ich bin enttäuscht von meinen Glaubensgeschwistern. Gehört es nicht zum Kernanliegen unserer Religion, Hass und Wut in ein Gebet zu verwandeln, das das Herz schmelzen lässt und die Macht hat, alles zu verändern? Wurden die frühen Muslime nicht unter grausamer Folter dazu angehalten, ihren Glauben zu verleugnen, und dennoch riefen sie „Allahu akbar“ – das heißt: Gott ist größer. Größer als die Macht der Unterdrücker. Sie starben für ihren Glauben, das ist das Gründungsnarrativ der islamischen Religion. Es ist das gleiche „Allahu akbar“, das wir dieser Tage aus verstörenden Videos hören, gerufen von gewaltberauschten Extremisten, die offenbar kurz zuvor eine junge Frau entführt und misshandelt haben. Es bedrückt mich, die heiligen Worte, die zum islamischen Gebet gehören, auf diese Weise verunglimpft zu sehen. Statt uns der Macht des Gebetes bewusst zu werden und uns die Deutungshoheit über unsere Religion zurückzuerobern, akzeptieren einige von uns Muslimen, vielleicht unbewusst, die Schmähung islamischer Werte als Ausweg aus der wahrgenommenen Ohnmacht. Selbst wer zu wählen hat zwischen eigener Not und dem Ausüben schlimmster Grausamkeiten, hat eine Wahl.

„Und die Feindseligkeit eines Volkes soll euch nicht verleiten, anders denn gerecht zu handeln“, heißt es im Koran, „vielleicht wird Allah Liebe setzen zwischen euch und denen unter ihnen, mit denen ihr in Feindschaft lebt.“ Zur Nächstenliebe mahnende Koranverse scheinen wir als realitätsferne Folklore abzutun. Ich höre in mir die Stimmen der anderen, die religionskritischen, die radikal-religiösen: Es gibt doch auch die Verse, die zur Gewalt aufrufen, die zum Töten von Ungläubigen auffordern. Sie beziehen sich ausschließlich auf das Recht zur Selbstverteidigung im Falle eines Angriffskriegs und können niemals ein Massaker an Unschuldigen rechtfertigen. Wenn „Klöster und Kirchen und Synagogen und Moscheen“ in Gefahr sind, wie der Koran glaubensübergreifend betont, sind Muslime verpflichtet, sie zu schützen.

Ich warte ungeduldig auf die Stellungnahme meiner muslimischen Gemeinde. Das Töten unschuldiger Zivilisten sei ein direkter Verstoß gegen die Lehren des Propheten des Islams, heißt es darin. Selbst im Kriegszustand darf laut islamischem Kriegskodex keine Frau, kein Kind, kein älterer Mensch, kein Geistlicher, kein Ort der Anbetung angegriffen werden. Eine Selbstverständlichkeit, an die man dieser Tage wieder erinnern muss. Denn wie unmenschlich ein Krieg auch ist, so zwingen islamische Rechtsprechung und Völkerrecht ihn in ethische Rahmen. Der Terror einfallender Horden hingegen – getarnt als Selbstjustiz der Unterdrückten – bleibt barbarischer Extremismus, der islamischen Werten vollkommen entgegensteht.

Natürlich gibt es Hassprediger, die den Islam anders auslegen. Doch wann ist ein besserer Zeitpunkt, auf das Friedenspotential einer Religion hinzuweisen, die mit 1,9 Milliarden Menschen ein Viertel der Weltbevölkerung beeinflusst, als in Zeiten des Krieges? Menschen, die sich zu diesem Glauben nicht aus politischen, sondern aus spirituellen Gründen bekennen, finden Trost im Gebet und folgen einer Ethik des gelebten Miteinanders.

Was sagt es über den Zustand der politischen Führer in muslimischen Ländern aus, wenn sie nicht imstande sind, einheitlich für eine Friedenslösung einzutreten, die nicht nur dem unschuldigen Teil der palästinensischen Zivilbevölkerung zugutekommt, sondern auch den Extremismus in den eigenen Reihen eindämmt?

Auch muslimische Prediger, die sich sonst gerne versöhnlich geben, fallen mit harter Wortwahl auf. Einer der einflussreichsten Imame im Internet, Omar Suleiman, liefert sich auf der Plattform X, vormals Twitter, einen hässlichen Schlagabtausch mit dem konservativen Bestsellerautor und reichweitenstarken Influencer Jordan Peterson. Beide hatten sich erst kürzlich für den interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen eingesetzt, nun wünschen sie einander die Hölle. „Give ’em hell“, schreibt Peterson an den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu gerichtet und lässt offen, ob er noch zwischen Hamas und Palästinensern zu unterscheiden vermag. „Go to hell“, antwortet der Imam und hat sich damit entschieden, alle Brücken abzureißen. Millionen lesen mit.

Meine Freundin ruft an. Sie ist Muslimin, ihre Kinder besuchen die jüdische Schule. Ja, auch das gibt es. Sie ist erschüttert. Sie gehört zu denjenigen, die die israelische Perspektive verstehen, ohne die palästinensische aus den Augen zu verlieren. Für sie sind Juden Menschen, mit denen sie tagtäglich spricht. Die Kommunikationskanäle müssen offen bleiben, fordern Diplomaten aus aller Welt und auch islamische Geistliche, wie der Khalif meiner Gemeinde. Doch in der fragmentierten Welt der Filterblasen und Echokammern haben wir den Gesprächsfaden längst verloren. Ich sehe unversöhnliche Meinungslager, die sich gegenseitig verurteilen. Klare Positionierungen jenseits des eigenen Lagers sind rar geworden, es scheint nur noch ein Pro-Palästina oder ein Pro-Israel geben zu können. Ich bin pro Mensch, denke ich.

Woher kommt das Frontdenken, das nur noch die eigene Opferposition wahrnimmt? Wir werden gemeinsam angegriffen von Tätern, die Menschenfeinde sind. Zeigt sich Empathie nicht im uneigennützigen Einsatz für die Rechte anderer? Erkennen wir uns selbst und unseren Wert als Menschen nicht im Antlitz des anderen? War das nicht ein Kerngedanke der Aufklärung? Wenn jemand einen unschuldigen Menschen tötet, so soll es so sein, als habe er die gesamte Menschheit getötet, heißt es im Koran.

„Sind denn Jud und Muslim eher Jud und Muslim als Mensch?“, möchte ich mit den Worten Nathans fragen. Das Menschsein – es scheint uns nicht mehr zu genügen. Vielleicht werfen meine muslimischen Freunde mir nun vor, das Leid unserer palästinensischen Glaubensgeschwister zu verharmlosen und die historischen Zusammenhänge nicht ausreichend zu berücksichtigen. Doch wer die Gewaltexzesse der Terroristen nicht rigoros verdammt, hat nicht erkannt, welches Elend für die Palästinenser daraus erwächst. Nachhaltiger Frieden ist ohne Gerechtigkeit nicht möglich. Gerechtigkeit entsteht nicht auf dem Rücken von Unrecht.

Ich habe Angst davor, dass ein Verbrechen gegen die Menschheit das nächste jagt. Der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant kündigte einen Vergeltungsschlag an, der über Generationen hinweg nachhallen werde. Ob das Völkerrecht aufrechterhalten wird? Ich mag mir nicht vorstellen, was uns bevorsteht. Gallant spricht von „menschlichen Tieren“, nicht von Menschen. Eine Beschreibung, die auf radikalfaschistische Terroristen zutreffen mag. Doch denke ich an die unschuldigen Zivilisten auf beiden Seiten, die die Verlierer in diesem Kampf sein werden, möchte ich wie der Prophet aufstehen und sagen: Sind sie nicht Menschenseelen?