Titelbild: Symbolbild: „The Parting Cheer“ (1861) von Henry Nelson O’Neil, Auswanderer nehmen am Hafen Abschied. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons (Royal Museums Greenwich).

Politisches Feuilleton, Deutschlandfunk Kultur

Anmoderation

Die Debatte über Migration in Deutschland dreht sich meist um die Frage, wer ins Land kommen darf und wer es verlassen muss. Völlig übersehen wird dabei ein stiller, aber folgenschwerer Trend: Immer mehr hochqualifizierte Bürgerinnen und Bürger mit Einwanderungsgeschichte kehren Deutschland freiwillig den Rücken. Getrieben von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und einer spürbaren gesellschaftlichen Entfremdung, suchen die gefragten Fachkräfte ihre Zukunft im Ausland. Über diesen unterschätzten Aderlass und die Frage, warum Zugehörigkeit in Deutschland noch immer an Bedingungen geknüpft ist, berichtet im Politischen Feuilleton Maryam Hübsch.

Von Maryam Hübsch

Man kann ein Land verlassen, ohne abgeschoben zu werden. Immer mehr Menschen in Deutschland tun genau das – nicht, weil man sie zwingt, sondern weil sie nicht mehr bleiben wollen. Und es sind nicht jene, über deren „Remigration“ die AfD raunt, sondern die Gefragten: gut ausgebildet, mehrsprachig, mobil, weltweit umworben.

„Soll ich auswandern?“ – kaum ein Podium, auf dem mir diese Frage aus dem Publikum nicht gestellt wird. In meinem Umfeld, gerade unter jungen Musliminnen und Muslimen, ist sie längst Dauerthema.

Der Eindruck lässt sich mit Zahlen unterlegen. Laut einer Kurzstudie des DeZIM-Instituts von Anfang 2026 erwägen 21 Prozent aller Menschen in Deutschland auszuwandern – unter Eingewanderten sind es 34, unter ihren hier geborenen Kindern sogar 37 Prozent, mehr als doppelt so viele wie in der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte. Am häufigsten denken Menschen mit familiären Wurzeln in der Türkei und der arabischen Welt über den Wegzug nach. Kurz vor der Bundestagswahl im Februar 2025 schnellte dieser Wert unter Eingewanderten um rund zehn Punkte nach oben. Während die Öffentlichkeit über Zuwanderung streitet, verlässt rund eine Million Menschen im Jahr das Land – fast unbemerkt.

Die Gründe sind bekannt: Wohnkosten, wackelnde Berufsaussichten, eine lahmende Wirtschaft – auch das Erstarken der Rechtspopulisten. Doch bei Menschen mit Migrationsgeschichte kommt etwas hinzu, das keine Konjunktur heilt. In den Umfragen nennen gerade die hier Geborenen die Erfahrung, anders behandelt zu werden. Der erste amtliche Bericht des Expertenkreises Muslimfeindlichkeit hielt 2023 nüchtern fest: Etwa jeder zweite Mensch in Deutschland stimmt muslimfeindlichen Aussagen zu – ein Wert, der sich seit zwanzig Jahren kaum bewegt hat. Das ist kein Rand. Das ist die Mitte.

Es ist also nicht der Bruch abstrakter Regeln, der Menschen entfremdet, sondern die Erfahrung, im eigenen Land nur unter Vorbehalt dazuzugehören.

Wie das im Alltag wirkt, führte die Ökonomin Doris Weichselbaumer in einem vielzitierten Feldversuch vor: dieselbe Bewerbung, dasselbe Foto, nur der Name variiert. „Sandra Bauer“ wurde in knapp 19 Prozent der Fälle zum Gespräch eingeladen, „Yasmin Öztürk“ in 13,5 – trug Yasmin ein Kopftuch, waren es gut 4 Prozent. Für dieselbe Stelle muss sie viereinhalbmal so viele Bewerbungen schreiben; bei anspruchsvolleren Jobs steigt der Faktor auf über sieben. Man kann hier geboren, hier ausgebildet, bestens qualifiziert sein – und wird trotzdem aussortiert.

Dazu ein Klima, das viele als Botschaft lesen. Als Anfang 2024 ein Geheimtreffen bei Potsdam bekannt wurde, auf dem über „Remigration“ beraten worden war, hörten Millionen Bürgerinnen und Bürger mit Einwanderungsgeschichte einen Satz heraus: Ihr seid nicht willkommen. Die Forschung zur sogenannten Roots-Migration türkeistämmiger Akademiker zeigt seit Jahren, dass der stärkste Grund für den Weggang nicht der Arbeitsmarkt ist, sondern ein fehlendes Heimatgefühl – die Erfahrung, trotz deutschem Pass dauerhaft als Gast behandelt zu werden. Zugehörigkeit, so das Signal, bleibt an Bedingungen geknüpft.

Wohin also? Viele zieht es in die Türkei – nicht aus Nostalgie, sondern weil sie dort mehrsprachig gefragt sind, weil über 2.000 deutsche Firmen Brücken bauen und weil man, wie es ein Rückkehrer formulierte, „einfach nur man selbst“ ist statt eine Diagnose. Andere zieht es an die Wirtschaftsdrehscheiben am Golf – nach Dubai, Abu Dhabi, Doha, wo steuerfreie Einkommen und kosmopolitische Karrieren locken und niemand erklären muss, warum er betet oder ein Kopftuch trägt. Dass diese Staaten autoritär regiert werden, nimmt mancher in Kauf – ein bezeichnender Preis. Die größere, breit qualifizierte Gruppe aber verteilt sich unspektakulärer: in die Schweiz, nach Österreich, in die Niederlande, nach Großbritannien und Nordamerika – dorthin, wo Leistung zählt und Herkunft weniger.

Das ist die Umkehrung der Erzählung von der „unkontrollierten Einwanderung“: Es gehen nicht die, die niemand haben will, sondern die, um die jedes alternde Land ringen müsste. Die Migrationsforscher warnen, dieser Aderlass lasse sich durch Zuwanderung allein nicht ausgleichen. Ein Land, das über Abschiebung debattiert, während seine Gefragten still das Weite suchen, sollte sich weniger fragen, wie es Menschen draußen hält – und mehr, warum das Dazugehören hier noch immer eine Frage von Namen, Foto und Gebet ist.